Aus der Sicht der Hörenden, aus der Sicht der Gehörlosen ...

Auseinandersetzung mit der Behinderung

Es scheint, die Auseinandersetzung mit der Behinderung im konkreten Fall: der Gehörlosigkeit - spielt sich ab zwischen den beiden Polen

- "deaf is beautiful",

bei dem man "die Not zur Tugend macht"

und dem entgegengesetzten

- "wie hörend",

dem angestrengten Bemühen und Bestreben, wie die Hörenden zu sein.

So gegensätzlich die beiden Extreme auch scheinen mögen, sie entstammen einer gemeinsamen Wurzel, - dem Leugnen, Abstreiten, Ignorieren jeglichen "Defizits".

Im ersten Fall geschieht dies dadurch, daß man es als etwas "Begehrenswertes" darstellt, im letzteren, indem man sich über die realen Einschränkungen, die tatsächlich vorhandene "Beeinträchtigung" einfach hinwegsetzt und so tut, als wäre eine völlige Angleichung an die hörende Umwelt möglich, zeigt der Betroffene nur genug Fleiß, guten Willen, Einsicht oder was auch immer (siehe Schmidt-Giovanini). In einem wie im anderen Fall wird die Behinderung überspielt - im ersten durch Verherrlichung, im zweiten durch galantes Übersehen derselben.

Will man weder dem einen noch dem anderen Extrem verfallen und sich der Behinderung "stellen", sich mit ihr auseinandersetzen, so gehören meines Erachtens zwei Grundvoraussetzungen unabdingbar dazu, die zwar in der Theorie sehr plausibel erscheinen mögen - so plausibel vielleicht sogar, daß sie gar nicht für erwähnenswert gehalten werden könnten - die aber in der Praxis keineswegs so selbstverständlich berücksichtigt werden:

1. Das Akzeptieren des grundsätzlichen Vorliegens einer Behinderung im Sinne von "Ich bin gehörlos" oder "Mein Sohn/meine Tochter ist gehörlos" oder auch "Meine Eltern sind gehörlos".

2. Eine möglichst realistische Einschätzung der Behinderung sowohl was den Grad als auch die (möglichen) Konsequenzen die Schranken sowie die ("trotz allem") vorhandenen Möglichkeiten anlangt.

Dazu stellten sich uns - und stellten wir anderen, Hörenden wie Gehörlosen, Erziehern, Lehrern, anderweitig Berufstätigen, Schülern - unter anderem folgende Fragen:

1. a) Was bedeutet die Behinderung - hier Gehörlosigkeit

- aus der Sicht der "Behinderten"

- aus der Sicht der "Nicht-Behinderten"

- und wo liegen die Unterschiede in der Auffassung von Gehörlosigkeit bei Betroffenen und Nicht- Betroffenen?

b) Welches sind tatsächliche Konsequenzen der Behinderung und welche werden ihr - zumeist von Hörenden nur "angedichtet"?

2. Wann fangen Gehörlose an, sich ihrer Behinderung bewußt zu werden?

3. Wann (in weichem Alter, unter weichen Umständen, in welchen Situationen) fragen Gehörlose (erstmals) nach den Ursachen ihrer Gehörlosigkeit -den medizinischen (Wie kam es, ...?) wie den philosophischen ("Warum gerade ich?")?

4. a) Kann ein Hörender den Gehörlosen überhaupt bei der Aseinandersetzung mit der Behinderung helfen?

b) Wenn ja, wie?

5. a) Wo und wie wird
- in der Schule
- im Heim
- im Elternhaus
die Behinderung "behandelt", angegangen? Gehen die Lehrer/Erzieher/Eltern darauf ein?

b) Sprechen die Schüler untereinander darüber?

6. Welche Rolle spielt die Gebärde in der Auseinandersetzung mit der Behinderung? Ist sie eine Hilfe, Erleichterung oder gar Voraussetzung dafür oder aber "Störenfried"?

7. Wie kommt es zum "Mißbrauch" der Behinderung
- seitens Nicht-Behinderter
- seitens Behinderter
und wie manifestiert er sich?

8. Welchen Stellenwert nimmt die Gehörlosigkeit im Vergleich mit anderen Behinderungen ein?

An dieser Stelle möchte ich, bevor ich weitere Ausführungen mache über die Antworten, die wir erhielten, all denen ganz herzlich danken, die unsere Fragen so bereitwillig und hilfreich beantworteten!

1. Hörende Erzieher äußerten die Beobachtung, daß der Gehörlose seine Behinderung auf dem "Gebiet des Seelischen" als weniger schlimm empfände als die Hörenden - wohingegen es sich im Bezug auf das Alltagsleben und die damit verbundenen praktischen Anforderungen (z. B. Fahrkarte kaufen etc.) genau umgekehrt verhalte. Sie bezeichneten die Gehörlosigkeit als schlimmste Behinderung, die es gibt; die Gehörlosen seien am stärksten isoliert. Jedoch sei, so fügten sie hinzu, die Gehörlosigkeit , "nur" eine Behinderung der Kommunikation, der Nähe, des Kontaktes - nicht aber der Achtung. Die Allgemeinheit hätte keine Ahnung, was Gehörlosigkeit eigentlich sei. Oftmals herrschte die Vorstellung:

"... kann nicht hören und sprechen. - fertig".

Die Erzieher konstatieren einen großen Unterschied zwischen dieser - ahnungslosen - Mehrheit und denjenigen Hörenden, die sich (z. B. in ihrem Beruf) mit Gehörlosen beschäftigen.


Demgegenüber erklärte eine gehörlose Erwachsene, daß Hörende, die von Gehörlosen keine Ahnung hätten, oft besser mit ihnen umgehen könnten.

Die Erwartungen der Hörenden an die Gehörlosen, so die hörenden Erzieher, seien oft zu hoch - oder aber zu niedrig - selten aber angemessen.

Sowohl im Beruf als auch im Freizeit- und Kulturbereich hätten Gehörlose oftmals erhebliche Benachteiligungen hinzunehmen.

Ein erwachsener Gehörloser interpretierte seine Feststellung, daß Gehörlose fast nie weinen, dahingehend, daß sie keine Gefühle hätten. Außerdem dächten sie weniger, so meinte er, weil sie weniger Worte hätten.

2. Ein Bewußtwerden sei meistens erst etwa in der 11./12.Klasse bzw. im Berufspraktikum zu erkennen - auf alle Fälle immer dann, wenn die gehörlosen Jugendlichen stärker mit Hörenden konfrontiert würden, wie uns hörende Erzieher mitteilten.

Häufig verdrängten sie allerdings auch ihre Behinderung, (denn Einsicht und Wissen über dieselbe sind ja unweigerlich mit Schmerz verbunden ...) und täten so, als ob sie hörend wären. Eine junge Erwachsene, selbst gehörlos, erzählte: "Früher hab' ich's nicht so recht gespürt, (daß sie gehörlos ist), wie ich ganz klein war. Aber es hat oft Probleme gegeben zwischen mir und meiner Mutter. Ich hab' oft Sachen gewollt, und meine Mutter hat nicht verstanden. ... Ich hab' schon gefühlt, daß etwas mit mir los ist, aber ich wußte nicht, was. Ich hab' nicht gewußt, daß man auch hören kann. ... Später hab' ich begriffen, daß ich gehörlos bin - so mit 5, 6 Jahren."

Ein anderer Gehörloser sagte uns, er könne sich nicht mehr daran erinnern, wann es ihm zum ersten Mal bewußt geworden sei, daß er gehörlos ist. Jedoch vermute er ohnedies, daß viele Gehörlose sich darüber wenig Gedanken machten und es gewohnt seien, in einer "Alles-Egal-Haltung" auch ihre Gehörlosigkeit als Tatsache hinnehmen, ohne darüber zu reflektieren, zumal sie es "nicht anders gewöhnt" seien.

2. Meist in Bezug auf Heirat oder hörende Geschwister werde das Schicksal in Frage gestellt, so sagten uns die Erzieher.

Allerdings wußten sie auch von einer -seltenen- Ausnahme zu berichten, einem gehörlosen Mädchen, das "so bleiben" wolle: "So geboren, so gewohnt".

Ihre Behinderung führten manche Jugendliche zurück auf ein Versagen ihrer Eltern, andere sähen darin eine "Strafe Gottes" oder glaubten, in diesem, ihrem "zweiten Leben" für das büßen zu müssen, was sie im ersten versäumt hätten, während "sachliche" Gründe (wie Röteln und dergleichen) erst allmählich durchdrängen.

Eine junge Gehörlose, die, wie sie sagt, viel mit ihrem Schicksal gehadert hätte, als ihr klargeworden war, daß sie nicht hören konnte, berichtet, sie habe schließlich eingesehen, daß sie sich damit abfinden müsse: "Das ist Schicksal. Andere haben wieder etwas anderes. Man muß sich mit dem Schicksal abfinden und das Beste daraus machen."

4. Bis auf einen Gehörlosen, der davon ausging, daß Gehörlose über ihre

a) Probleme nur mit anderen Gehörlosen reden, da aufgrund der Gebärden mehr gesagt werden können, räumten die Befragten auch den Hörenden Chancen ein, Hilfe leisten zu können in der Auseinandersetzung mit der Behinderung. Allerdings wiesen viele darauf hin, daß das Vertrauen zu ebenfalls gehörlosen Bezugspersonen im allgemein wesentlich größer als zu hörenden Gesprächspartnern.

b) Der Hörende kann helfen, so hörende Begfragte, indem er von seinen eigenen unerfüllten Wünschen und Sehnsüchten spricht, dem Gehörlosen etwa sagt: "Ich habe auch nicht die Eltern, die ich mir wünsche" o.ä.

Eine gehörlose Schülerin nannte als Voraussetzung, daß die Hörenden behinderten-freundlich sein müßten, d. h. der Hörende "muß einsehen, was die Gehörlosen brauchen, er muß von der Art und Sprache der Gehörlosen etwas annehmen und auch selber benutzen. Dann fühlen die Gehörlosen sich verstanden und gehen mehr aus sich heraus."

Erwachsene Gehörlose empfahlen den Hörenden folgende Punkte zur Beachtung:
- den Kindern zeigen, wie sie mit dem Leben fertig werden können.

- sie immer wieder ermutigen

- ihnen helfen, selbstsicher zu werden und Hemmschwellen bezüglich ihrer Behinderung zu überwinden (z. B. beim Einkaufen)

- ihnen Aufmerksamkeit schenken, aber auch - ihnen die Grenzen zeigen

Ferner sollten die Hörenden den Gehörlosen auch - und das nicht nur auf "Nachfrage" durch den Gehörlosen -mehr von sich erzählen.-

Unter der Prämisse, daß viele, die mit Gehörlosen zu tun hätten, sich vor Kritik fürchten, weil sie Fehler nicht zugeben könnten, kritisierten die Gehörlosen das Verhalten der Hörenden vor allem in folgenden Bereichen:

- sprechen zu schnell --- der Gehörlose wird mißtrauisch, meint, sie

- sprächen über ihn

- wollen immer befehlen

- sprechen ü b e r Gehörlose anstatt m i t ihnen.

"Wenn sie (die Hörende) immer über uns reden, werden wir bevormundet (im wahrsten Sinne des Wortes! ...) - auch als Erwachsene"!

- achten immer, auf die Sprache anstatt auf den Inhalt dessen, was der Gehörlose ihnen mitteilt

- sind kaum zur Zusammenarbeit mit Gehörlosen bereit so werden beispielsweise keine erwachsenen Gehörlosen an entsprechende Beratungs-Stellen geholt.

Waren wir zunächst von der Frage ausgegangen, ob und wie wir als Hörende den Gehörlosen helfen könnten, so trat hier ein sehr interessanter Aspekt zutage:

Wenn wir als Hörende den Gehörlosen helfen wollen, so müssen wir zugunsten echter Zusammenarbeit endlich die Bevormundung einstellen - mehr noch: Wir müssen uns von den Gehörlosen helfen lassen!

4. Die Erzieher erklärten, sie brächten nie selbst die Behinderung

a) zur Sprache, seien aber jederzeit zum Gespräch darüber bereit, wenn die Gehörlosen von sich aus davon anfingen. Nach Berichten ehemaliger Schüler wird auf der Gehörlosenschule kaum über die Behinderung gesprochen, auf der Schwerhörigenschule

b) käme es hingegen häufiger vor. Dort würden von den Schülern auch bisweilen Vergleiche angestellt zwischen Schwerhörigkeit und Gehörlosigkeit. Die gehörlosen Schüler aber, so vermuten ihre Erzieher, sprächen untereinander nicht viel über ihre Gehörlosigkeit.

6. Die Erzieher benutzen kaum Gebärden, da die Schüler sich "oral, verbal üben" sollen. Sie nannten das Beispiel eines Mädchens, das eine Lehrstelle erst ein halbes Jahr später bekommen sollte als vorgesehen war - wenn sie "besser spräche". Eine besondere Schwierigkeit - für den Hörenden sehen die Erzieher darin, daß die Gehörlosen so stark verkürzt gebärden und nicht in vollständigen Sätzen. Die befragten Gehörlosen dagegen sprachen sich ohne Ausnahme für Gebärde aus und sahen in ihr einen wichtigen Bestandteil in der Auseinandersetzung mit der Behinderung.

Dazu eine Gehörlose: "Wenn man, während man gebärde4 die Lippen bewegt, interessiert sich das Kind. ... Ich habe früher oft nicht verstanden, warum etwas so oder so ist. Meine Mutter hat zwar versucht, (in Lautsprache) zu erklären, aber ich habe es (als kleines Kind) nicht verstanden."

Eine andere Gehörlose sieht in lautsprach-begleitenden Gebärden den "idealen" Kompromiß zweier Sprachen, um Kontakt zu erzeugen.

Manchen Hörenden ist es zwar zu anstrengend, die Gebärden zu lernen, aber ich muß sagen: "Einmal die Woche ist nicht schlimm. Wir müssen jeden Tag Lautsprache üben!"

Ähnlich sieht es auch ein anderer Gehörloser, der es dem Egoismus und der Bequemlichkeit der Hörenden zuschreibt, wenn sie keine Gebärden lernten, aber zugleich vom Gehörlosen verlangten, daß dieser spräche. Eine Gehörlose: "Die Gebärde hilft, den Wortschatz zu erweitern. Gebärde und Lautsprache zu kombinieren, Die Gehörlosen freuen sich und fühlen sich angezogen, wenn jemand die Gebärden kann."

7. Zwei Grund-Tendenzen lassen sich feststellen:

Entweder die Gehörlosen verstecken sich hinter ihrer Behinderung oder aber sie verstecken ihre Behinderung. Zum ersteren Fall: "Es ist manchmal sehr bequem, gehörlos zu sein. Damit kann man viel entschuldigen.", kommentierten die Erzieher. Oft werde die Behinderung als Alibi verwendet, um Mitleid hervorzurufen, so eine Gehörlose.

Aber auch die Hörenden gehen falsch mit der Behinderung um. So verwöhnten sie die Kinder oft über die Maßen, kritisierten zwei gehörlose Erwachsene - um das Kind abzuschieben, wenn es ihnen zu anstrengend sei, und es sich selber bequem zu machen."

So würden viele Verhaltens-Störungen hervorgerufen - weil sich die Eltern nicht normal verhielten in der Erziehung.

8. Sobald es um die Auseinandersetzung mit ihrer Behinderung ging, tauchte bei den Gehörlosen sogleich der Vergleich mit den Schwerhörigen auf. Diese sahen sie als weniger selbstbewußt und mit mehr Minderwertigkeitsgefühlen behaftet. Sie hätten es schwerer, ihre Behinderung zu akzeptieren. Anderseits aber fühlten sie sich den Gehörlosen überlegen, mehr zur "besseren Hälfte", den Hörenden, hingezogen. So seien sie einem ständigen Zwiespalt ausgesetzt, "sie schämen sich vor Gehörlosen, wollen zu Hörenden - immer hin und her ..."

Die Erzieher bemerkten, daß die Gehörlosen am wenigsten anerkannt seien in der Gesellschaft. Körperbehinderte und Blinde hätten eine weit größere "Lobby". Es herrsche erheblicher Informations-Mangel im Bezug auf Gehörlose. Man müßte die Gehörlosigkeit mehr bekannt machen. "Der Gehörlose selber müßte das sagen: 'Ich bin gehörlos. Sie müssen so und so mit mir reden'."

Eva Richter, hörend

Studentin/Gehörlosenpädagogik (aus der Seminararbeit